| | | | | | Tumortherapie ohne einen Kratzer |
| (pd) Viele Frauen leiden an gutartigen Tumoren in der Gebärmutter. Dank eines neuen Verfahrens müssen sie sich jetzt nicht mehr unters Messer legen, sondern können diese so genannten Myome per Ultraschall veröden lassen – ohne Narkose, ohne Medikamente und ohne einen Kratzer auf der Haut. Ruhig liegt die Patientin auf dem weißen Behandlungstisch, der langsam in den Magnetresonanztomografen (MRT) hinein fährt. Schon seit Wochen bereitet ihr ein Tumor starke Schmerzen in der Gebärmutter. Im Raum nebenan steht Jörg Barkhausen, Direktor der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin der Universität Lübeck. Mit einem Mausklick aktiviert er die Ultraschalleinheit, die sich in der Tischplatte unter der Patientin befindet. Passgenau sendet es seine Ultraschall-Impulse in die Gebärmutter, wo sie den Tumor erhitzen und schließlich veröden. Auf der Haut der Patientin bleibt kein einziger Kratzer zurück. Bei rund einem Drittel aller Frauen wächst einmal im Leben ein gutartiges Geschwür in der Gebärmutter. An sich ungefährlich, führt das Myom jedoch bei vielen Frauen zu starken Blutungen, verursacht Unterleibsschmerzen oder erschwert eine Schwangerschaft – je nach Lage der Wucherung kann eine solche sogar unmöglich werden. Je nachdem wie gravierend die Beschwerden sind, muss das Myom therapiert werden. Mussten sich die Patienten bislang entweder einer teils kräftezehrenden Therapie unterziehen oder sogar unters Messer legen, testen zwei Lübecker Ärzte seit Anfang dieses Jahres eine sanftere Behandlung. Mit einer Ultraschalleinheit, die sich in einem MRT befindet, veröden sie das wuchernde Gewebe nichtinvasiv mit Ultraschall-Impulsen. „Zum ersten Mal haben wir damit ein Verfahren, das die Patientinnen kaum belastet“, sagt Prof. Klaus Diedrich, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, „denn sie brauchen weder eine Narkose noch Schmerzmittel. Nur ein leichtes Beruhigungsmittel dient der Entspannung bevor es losgeht“, sagt er. |
|  Der MR-HIFU ermöglicht eine angenehmere Behandlung von Myomen als herkömmliche Verfahren.
Das Gerät, das die sanfte Therapie ermöglicht, der Sonalleve MR-HIFU sei „eine technische Höchstleistung“, sagt Barkhausen, der mit Diedrich zusammen diese Behandlungen in Lübeck etabliert hat: Mitten im hochsensiblen Magnetfeld sendet die Ultraschalleinheit seine Impulse auf das Myom in der Gebärmutter. Der MRT kontrolliert, dass dabei nicht auch gesundes Gewebe in der Umgebung beschädigt wird, denn seine Aufnahmen ermöglichen es den Ärzten, das zu behandelnde Gewebe auf den Millimeter genau zu lokalisieren und entsprechend den Impuls darauf zu fokussieren. Daher rührt auch der Name des Ultraschalls: Hoch-Intensiver-Fokussierter Ultraschall – abgekürzt durch HIFU. „Nur an der winzigen Stelle, an der sich die Ultraschall-Impulse bündeln, erhitzen sie das Gewebe“, sagt Barkhausen, „und veröden dabei eine Stelle von 16 Millimetern Durchmesser und einer Länge von zwei Zentimetern“. Das dauert weniger als eine Minute und wird nach einer Pause von einigen Minuten an anderer Stelle wiederholt, so lange bis der Tumor vollständig behandelt ist. Neben der Darstellung der Zielregion dient der MRT hierbei auch als eine Art übergroßes Thermometer, denn er ist in der Lage, die Temperatur-Entwicklung im Körperinneren exakt zu kontrollieren und sorgt dafür, dass umliegendes Gewebe bei der Prozedur nicht geschädigt wird. „30 Prozent des Myoms zu behandeln reicht, damit die Patientinnen beschwerdefrei sind“, sagt Diedrich. „Am Anfang dauerten die Behandlungen 3 bis 4 Stunden, aber mit etwas Übung braucht ein eingespieltes Team nur noch etwa zwei Stunden“, sagt Thomas Andreae, Direktor MR Marketing Emerging Systems & Therapy bei Philips Healthcare. |
|  Die in den MRT integrierte Ultraschalleinheit sendet fokussierte Impulse auf die Myome. Seit Anfang dieses Jahres trägt das MR-HIFU-System das CE-Zeichen, mit dem Philips versichert, dass er den geltenden europäischen Richtlinien für den Einsatz von technischen Geräten entspricht. Drei Patientinnen haben die Lübecker seitdem mit MR-HIFU behandelt, vier weitere stehen schon auf der Warteliste. Gynäkologe Diedrich hat bei den drei therapierten Patientinnen keine für eine spätere Schwangerschaft hinderliche Narbenbildung bemerken können. „Die Frauen, die bereits behandelt wurden, waren sehr zufrieden“, sagt Diedrich. Den endgültigen medizinischen Erfolg kann der Gynäkologe allerdings erst in einigen Wochen beurteilen, denn das Gewebe bildet sich erst in den Wochen nach der Behandlung Stück für Stück zurück. Noch ist das Gerät im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie im Einsatz, die seit eineinhalb Jahren in insgesamt sechs Kliniken weltweit läuft; Diedrich aber verspricht sich viel von der neuen Methode: „Ich gehe davon aus, dass wir weiterhin so gute Erfahrungen machen und das Gerät dann breiter einsetzen“, sagt er. Leider gehört diese neue Behandlung noch nicht zum Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen. Aber mit dem neuen Gerät lassen sich auch Kosten einsparen: Denn während die Patientinnen nach einer Operation noch drei bis fünf Tage in der Klink bleiben müssen, können sie einige Stunden nach der Ultraschallbehandlung bereits nach Hause gehen und die Frauen sind anschließend auch schneller wieder arbeitsfähig. Daher prüfen die Krankenkassen derzeit jeden einzelnen Fall und entscheiden dann, ob sie die Kosten einer HIFU Behandlung übernehmen. Rund 300 Patientinnen legen sich in Lübeck jedes Jahr auf den OP-Tisch, um sich wegen eines Myoms behandeln zu lassen. Entweder operieren Diedrich und seine Kollegen das Gewächs minimalinvasiv über einen kleinen Bauchschnitt heraus oder sie entfernen – bei besonders großen Myomen und bei Frauen jenseits der Wechseljahre – die ganze Gebärmutter. Bei der ebenfalls gängigen medikamentösen Behandlung stellen die Ärzte die Eierstöcke durch Hormone ruhig und bewirken so, dass das störende Gewebe schrumpft. „Wenn die Hormone abgesetzt sind, fängt es allerdings oft wieder an zu wachsen“, sagt Diedrichs. „Das MR-HIFU ist das erste Verfahren, das ohne Narkose, ohne Operation und ohne Medikamente auskommt und trotzdem wirksam ist“, sagt Diedrich. Philips will sein neues Gerät in weitaus mehr Bereichen als zur Behandlung von Myomen einsetzen. Das nächste Ziel ist, es in der Krebstherapie anzuwenden. „Zunächst wollen wir es dort einsetzen, wo alle anderen Verfahren an ihre Grenzen gestoßen sind“, sagt Andreae. In der Anfangsphase glaubt er dabei vor allem an einen Schmerz lindernden Effekt. „Wir können dem Patienten viel Leid ersparen, indem wir die Nervenzellen rund um den Tumor bestrahlen, wie etwa bei Knochenmetastasen“ sagt er. „Sicher werden wir aber mit MR-HIFU auf längere Sicht neben Metastasen auch primäre Tumore bekämpfen können.“ Die klinischen Tests für den Einsatz in der Krebstherapie sollen bereits in diesem Jahr beginnen.
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