Jeden Tag ein neues Wohnzimmer

Jeden Tag ein neues Wohnzimmer

(pd) Philips verpackt kleinste Farbkügelchen in eine dünne Folie, um damit in Zukunft Handys, MP3-Player oder Zimmerwände einzukleiden. Auf Knopfdruck können diese dann ihre Farbe wechseln. Einen ersten Prototypen gibt es bereits.

 

Möbel verrücken, Planen auslegen, Wände nässen, die alten Tapeten abziehen und neue Bahnen aufkleben – eine Renovierung ist mühsam und teuer, so nötig sie in der Regel auch ist. Denn keine Tapete hält ewig und je nach Mode wollen die wenigsten über Jahre hinweg mit derselben Farbe an ihren Wänden leben. Sie zu wechseln könnte bald schon keine lästige Arbeit mehr bedeuten, sondern auf Knopfdruck möglich sein – je nach Stimmung, Wetter oder auch Farbe der Blumen in der Vase lässt sich die Wandtünche verändern. Dies zumindest ist das Ziel einer Forschergruppe bei Philips. Und es ist nicht so utopisch wie es sich anhört, denn einen Prototypen haben sie bereits entwickelt – eine Glasscheibe, die ihr Aussehen wechseln kann.

Philips E-Skin

Farbwechsel leichtgemacht: Mit E-Skin soll das in naher Zukunft möglich sein.

 

E-Skin heißt die Schicht, die sich wie eine dünne, unsichtbare Haut um alles legen soll, was Farbe oder Muster ändern soll. Mit E-Skin passt das Handy sich wie ein Chamäleon der Kleidung an, der MP3-Player spiegelt mit seinem Äußeren die Stimmung der Musik wider, der Wasserkocher ändert die Farbe je nach Wassertemperatur und die Wände scheinen morgens anders als abends. Aber nicht nur schön, sondern auch praktisch kann die elektronische Haut sein: Sie soll Fenster wie Jalousien abdunkeln oder Häuser noch energieeffizienter machen. Noch haben die Forscher von Philips ihre Arbeit zwar nicht vollständig abgeschlossen, die ersten E-Skin-Produkte könnten dennoch bald schon auf dem Markt sein.

 

„Die Menschen wollen das Aussehen ihrer Umgebung an sich und ihre Stimmungen anpassen“, sagt Hans Driessen von Philips Research, „mit E-Skin haben sie zum ersten Mal die Möglichkeit dazu.“ Die neue Technik soll als folienähnliche, sehr flexible und durchsichtige Plastikschicht auf den Markt kommen, in der kleinste Farbpartikel über elektrische Felder gesteuert werden – ein Verfahren, das in der Fachwelt als Elektrophorese bekannt ist. Die verschiedenfarbigen Partikel schwimmen dabei in einer Flüssigkeit, die zwischen zwei Plastikmembranen fließt. Je nach Farbpartikel, die das elektrische Feld an die Oberfläche bewegt, ändert sich die Farbe der Folie. „Wir können alle Partikel einzeln bewegen und beliebig miteinander kombinieren, so dass das gesamte Farbspektrum möglich ist“, sagt Driessen.

 

Derzeit ist Philips im Gespräch mit Partnern, die die Folien herstellen. Zunächst würden dann kleine Geräte wie Handys oder MP3-Player damit eingekleidet, so Driessen. Die Technologie funktioniert bereits, auf einer Glasscheibe hat Philips sie auf dem ‚International Display Workshop‘ Ende 2009 in Japan vorgestellt. Per Knopfdruck lässt sich ihre Farbe schon ändern, in Zukunft jedoch würden die Möglichkeiten weit darüber hinausgehen, prophezeit Driessen. So sei durchaus vorstellbar, dass ein Gerät sein Äußeres auf zuvor fotografierte Bilder abstimme oder sich jeweils von ganz allein den Farben seiner Umgebung anpasse. Anstatt selbst Licht auszustrahlen – wie Displays es machen – reflektiert die elektronische Haut lediglich das Tages- oder Raumlicht. „Die erzeugten Farben simulieren echte Farben perfekt, sind sehr lebendig und auch im grellen Tageslicht gut sichtbar“, sagt Driessen. Dabei verbraucht die neue Technologie kaum Energie. Dennoch kann E-Skin die Light Emitting Diodes (LED) der Displays nicht ersetzen: „LEDs erzeugen durch das Licht, das sie ausstrahlen, eher ein theatralisches Äußeres, E-Skins eher ein natürliches, subtiles”, sagt Kars-Michiel Lenssen, Wissenschaftler bei Philips Research.

Philips E-Skin

Diese Beispielzeichnung eines MP3-Players verdeutlicht
die vielseitigen Möglichkeiten, die die Forscher in E-Skin sehen.

 

An den elektronischen Farbwechsel von größeren Flächen wie Tapeten, Fußböden oder Außenwänden von Gebäuden will das Unternehmen sich in einem zweiten Schritt machen. „Wenn die Technik erst einmal fertig entwickelt ist, kann sie überall angewendet werden“, sagt Driessen, „dann wollen wir verschiedene Raumatmosphären kreieren.“ Mit Farben die Stimmung von Räumen zu verändern ergänzt die Palette an Lichtlösungen, die das Unternehmen in den vergangenen Jahren bereits entwickelt hat. „Immer mehr Menschen setzen Licht gezielt ein, um ihre Wohnungen, Büros oder Geschäftsräume zu gestalten“, sagt er, dieses Spektrum nun um diese Farboption für größere Flächen zu ergänzen, sei nur eine logische Konsequenz.

 

Die Technologie von Philips ist aber alles andere als reine Spielerei für technikbegeisterte Handybesitzer oder designverliebte Hausbewohner. Im Kampf um Kunden könnte sie für Unternehmer zukünftig auch einen wichtigen Wettbewerbsvorteil bedeuten. Shopbesitzer könnten mit E-Skin beispielsweise ihre Verkaufsräume jede Saison leicht auf die neue Kollektion abstimmen, Gaststätten ihre Räume für Veranstaltungen umgestalten und Hotels die Zimmer auf die Wünsche ihrer Kunden ausrichten. Und an Fenstern angebracht ersetzt E-Skin die klassische Jalousie. „Wir können alle Farbkügelchen in der Flüssigkeit in eine Ecke bewegen“, sagt Driessen, „dann ist die Folie durchsichtig.“ Je nach Wunsch lässt sich ein Fenster damit gar nicht, vollständig oder nur ein wenig abdunkeln.

 

Ökologisch ist selbst ein großflächiger Einsatz unproblematisch, denn da der Plastiküberzug selbst kein Licht ausstrahlt, kommt er quasi ohne Energie aus. Langfristig kann die Schicht noch dazu ein Instrument sein, um die Energieeffizienz von Gebäuden zu steigern. „Auf einem Dach eines Hauses angebracht, spart E-Skin enorm viel Energie“, sagt Driessen. Dazu wechselt der Hausbesitzer je nach Wetterlage die Farbe, im Winter absorbiert dann ein schwarzes Dach Licht und Wärme, im Sommer hält ein weißes Dach das Haus kühl.


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Farbwechsel leichtgemacht: Mit E-Skin soll das in naher Zukunft möglich sein.


 
 

Diese Beispielzeichnung eines MP3-Players verdeutlicht die vielseitigen Möglichkeiten, die die Forscher in E-Skin sehen.


 

 


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